
Publikationen & Presse
Schockierender Blick ins Horrorkabinett
Doping: Gen-Manipulation - die neue Dimension bei der verbotenen Leistungssteigerung
Mit Erschrecken hat der deutsche Sport auf Gen-Doping-Verdächtigungen gegen den umstrittenen ehemaligen Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein reagiert. Von einem "Blick in ein Horrorkabinett" sprach Thomas Bach, Leiter der Juristischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Aus Sicht des Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke ist gar ein neues Dopingzeitalter angebrochen. Springstein-Anwalt Peter-Michael Diestel sieht indes keinen neuen Gen-Doping-Verdacht gegen seinen Mandanten. "Thomas Springstein hat sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinander gesetzt. Bis zum Doping ist es noch ein Riesenschritt", sagte Diestel.
Besorgt äußerte sich Manfred von Richthofen, ehemaliger Präsident des Deutschen Sportbundes: "Diese neue Dimension des Dopings lässt Horrorfantasien Wirklichkeit werden. Wenn der offensichtlich galoppierenden Manipulation nicht weltweit mit großer Entschiedenheit Einhalt geboten wird, dann dürften wir in vielen Spitzenbereichen bald das haben, was den Namen Sport nicht mehr verdient."
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte in ihrer Samstagsausgabe Teile des E- Mail-Verkehrs von Springstein, der sich derzeit in Magdeburg vor Gericht wegen Minderjährigen-Dopings verantworten muss, dokumentiert. Die Nachrichten waren am letzten Verhandlungstag verlesen worden. 'Darin wird unter anderem das Gen-Dopingmittel Repoxygen erwähnt.
"Das neue Repoxygen ist schwer erhältlich. Bitte gib mir bald neue Instruktionen; so dass ich die Produkte vor Weihnachten bestellen kann", heißt es dort. "Die schlimmsten Befürchtungen werden bestätigt, da ist ein Albtraum wahr geworden. Ich bin überrascht von dem offensichtlich zunehmenden Tempo der Umsetzung von Gen-Doping. Nach diesen Enthüllungen müsste ein riesiger Aufschrei durch das ganze Land gehen", sagte Werner Franke.
"Wenn es sich bei den veröffentlichten E-Mails um die handelt, die auch Teil der Ermittlungsakte sind, ist es keine neue Dimension des Falls", meinte Springstein-Anwalt Diestel. "Wenn in den Mails etwas Strafbares drin gestanden hätte, wäre das auch Teil der Anklage geworden, ist es aber nicht", sagte der letzte Innenminister der DDR. Die Nachrichten waren bei einer Durchsuchung des Springstein-Hauses im September 2004 sichergestellt worden.
Harte Worte fand Helmut Digel, Vize-Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, nach den Veröffentlichungen: "Wir haben in Deutschland ein Dopingproblem im Hochleistungssport und sollten nicht immer auf andere wie die US-Amerikaner oder die Russen zeigen."
Franke sprach im Zusammenhang mit den jüngsten Enthüllungen "von einer richtigen Schraube des Verbrechens". Auch und vor allem, weil die in der Springstein-Korrespondenz angeforderten Mittel erst in der "vorklinischen Versuchsphase,, erprobt worden seien. "Hier geht es um die Absprache zur Körperverletzung, Das ist schlimmer als in der DDR und brutaler als beim Balco-Skandal.
Zugleich erinnerte der Experte an das ähnlich unmenschliche Vorgehen im Zusammenhang mit der Entwicklung und Einführung von EPO-Doping. Damals hätten in einem ähnlich frühen Stadium, nachdem es bestenfalls an einigen Mäusen und anderen Tieren gab, 18 junge Radsportier den Tod gefunden.
Unterdessen sagte der schwedische Mediziner Bengt Saltin, Vorsitzender der medizinischen Kommission des Welt-Skiverbandes: "Vielleicht bin ich naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Repoxygen irgend jemand einsetzen würde. einsetzt, ist das etwas für den Rest des Lebens." Das gäbe Gen-Doping eine "völlig andere Dimension im Vergleich zu dem, was jetzt läuft".
Der 47-jährige Springstein muss sich seit Anfang Januar vor dem Magdeburg Amtsgericht wegen Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Heilpraktikergesetz verantworten. Ihm wird die Abgabe von Dopingmitteln an Minderjährige in drei Fällen zur Last gelegt. Bel einer Verurteilung droht ihm im schlimmsten Fall eine mehrjährige Haftstrafe.
(sid)
^